Welchen Beitrag kann Kleinkindermilch zur Senkung der Proteinzufuhr und des Adipositasrisikos bei 1- bis 3-Jährigen leisten?

Tilgner, A.

In Deutschland durchgeführte Verzehrerhebungen deuten darauf hin, dass die Proteinzufuhr bei Kleinkindern höher ist, als von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen und dass Milch und Milchprodukte bei dieser Altersgruppe dieHauptquellen der Proteinzufuhr sind. Eine hohe Proteinzufuhr im frühen Kindesalter wird in der wissenschaftlichen Literatur im Zusammenhang mit der Entstehung von Adipositas im späteren Leben diskutiert. Unklar ist, welche Rolle der Verzehr von Kuhmilch in diesem Zusammenhang spielt. Kindermilchprodukte, die seit einigen Jahren in Deutschland für Kinder ab einem Jahr und ab zwei Jahren auf dem Markt sind, werden von Herstellern damit beworben, dass sie besser als Kuhmilch auf den Nährstoffbedarf von Kleinkindern abgestimmt seien, wobei sich die Werbeaussagen unter anderem auf den Proteingehalt beziehen, der um die Hälfte geringer ist als in Kuhmilch. Vor diesem Hintergrund war es Ziel der vorliegenden Arbeit herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen der Proteinzufuhr bzw. dem Verzehr von Kuhmilch im Kleinkindalter und der Entstehung von Adipositas im Kindesalter gibt und ob Kleinkindermilch einen Beitrag zur Prävention von Adipositas im Kindesalter leisten kann.Die Basis zur Beantwortung der ersten Frage bildete eine Literaturrecherche in der Literaturdatenbank PubMed und die Auswertung von relevanten Studien aus dem Zeitraum von 2005 bis 2012, während zur Abschätzung des Beitrags von Kindermilch zur Prävention von Adipositas eine Online-Befragung bei Käufern von Kleinkindermilch und Kuhmilch über Nutzungsgewohnheiten und -motive sowie die Ernährung der in den Haushalten lebenden Kleinkinder durchgeführt wurde. Es gibt zurzeit nur wenige Studien, in denen untersucht wurde, wie sich die Proteinzufuhr oder der Kuhmilchverzehr im Kleinkindalter auf die weitere Gewichtsentwicklung auswirkt. Die einbezogenen Studien unterscheiden sich unteranderem im Alter des Kindes zum Erhebungszeitpunkt, der Proteinzufuhr und -quellesowie dem Milchverzehr, dem Geschlecht des Kindes, aber auch in der angewandten Ernährungserhebungsmethode, der Beobachtungszeit und den gemessenen anthropometrischen Parametern. Auf Basis der einbezogenen Studienkann keine abschließende Aussage darüber getroffen werden, ob eine hohe Proteinzufuhr im Kleinkindalter das Risiko für Adipositas im Kindesalter erhöht. Auch sind die Ergebnisse der Studien, in denen der Zusammenhang zwischen Kuhmilchkonsum im Kleinkindalter und dem Adipositasrisiko im Kindesalter untersucht wurde, uneinheitlich, so dass ein Zusammenhang weder be- noch widerlegt werden kann. Kleinkindermilch kann aufgrund des niedrigeren Proteingehaltes gegenüber Kuhmilch einen Beitrag zur Reduktion der Gesamtproteinzufuhr leisten. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass diese Produkte zwar weniger Protein aber höhere Mengen an Fett und Kohlenhydraten als fettreduzierte Kuhmilch liefern. Darüber hinaus hat die durchgeführte Verbraucherbefragung gezeigt, dass die Mehrheit der Befragten Kleinkindermilch in Pulverform bevorzugt, die, fertig angerührt, von einem größeren Anteil der Kleinkindermilchnutzer aus der Säuglingsflasche getrunken wird als Kuhmilch von den Kuhmilchnutzern (40,5 %versus 17,6 %). Dies in Kombination mit den Verzehrempfehlungen der Hersteller könnte ein Grund dafür sein, dass Kleinkindermilch auch in größeren Mengen getrunken wird als Kuhmilch. Des Weiteren deuten die Ergebnisse der Studie daraufhin, dass Kinder, die Kleinkindermilch trinken, einen vergleichbaren Lebensmittelverzehr haben wie Kinder, die Kuhmilch trinken. Der Effekt einer geringeren Proteinzufuhr, deren Nutzen auf der Basis der bisherigen Studien nicht belegt ist, durch Kleinkindermilch wird daher vermutlich durch höhere Trinkmengen sowie den sonstigen Lebensmittelverzehr kompensiert.Zusammenfassend lässt sich auf der Basis der vorliegenden Studien keine zuverlässige Aussage über den Zusammenhang zwischen der Proteinzufuhr bzw.dem Milchverzehr im Kleinkindalter und der Entstehung von Übergewicht im späteren Leben treffen. Es sind weitere kontrollierte Studien notwendig, um die Effekte einer hohen Proteinzufuhr sowie des Kuhmilchverzehrs im Kleinkindalter auf die Entstehung von Übergewicht im späteren Leben besser zu verstehen.Insgesamt kann aufgrund der Studienergebnisse nicht ausgeschlossen werden, dass Kleinkindermilch eher zu einer höheren Makro- und Mikronährstoffzufuhr führt. Selbst wenn dieses Produkt in dem komplexen Netzwerk von Faktoren, die das Adipositasrisiko beeinflussen, nur eine einzelne Stellschraube darstellt, sollten Elterndarüber informiert werden, dass aus ernährungsphysiologischer Sicht keine Notwendigkeit dafür besteht, Kindern im Alter von einem Jahr bis drei Jahren Kindermilch anstelle von Kuhmilch zu geben.

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Tilgner, A.: Welchen Beitrag kann Kleinkindermilch zur Senkung der Proteinzufuhr und des Adipositasrisikos bei 1- bis 3-Jährigen leisten?. Justus Liebig Universität Gießen 2012.

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